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Südtirol Report 2009
13.Tag: Auf die Wilde Kreuzspitze
| Gipfel: |
Wilde Kreuzspitze (3132m) |
| Ausgangspunkt: |
Vals |
| Herausforderungen: |
Feuchter Altschnee |
| Höhendifferenz: |
1400m |
| Gesamtdauer: |
8h50m |
An unserem letzten Tourentag erwachen wir in einer Pension in Vals, zwei Tälchen westlich des Ahrntals gelegen. Krönenender Abschluss soll für dieses Jahr eine Besteigung der Wilden Kreuzspitze sein, des höchsten Gipfels der Pfunderer Alpen. Die Idee stammt aus einem Pustertal-Wanderführer unseres geschätzten Eugen Hüsler. Auf einer Abbildung im Buch sehen wir ihn weltmännisch lässig im gelben Sweater an ein dramatisch vereistes Gipfelkreuz gelehnt. Gleichzeitig betont er allerdings, dass die Wilde Kreuzspitze nicht so wild sei, wie ihr Name vermuten lasse. Sicher ist, dass wir uns auch diesen Dreitausender mit 1400 Höhenmetern redlich werden verdienen müssen.
Nach erfolgreicher Morgentoilette und angrenzendem Frühstück fahren wir ein Stück die enge Serpentinenstraße in Richtung Talschluss bis zum großen Parkplatz kurz vor der Fanealm. Diese präsentiert sich eher als eine Art Disneyland denn eine urige Gaststätte. Zahlreiche Fress- und Entertainmentbuden lassen keinen Zweifel am Sinn dieser Institution aufkommen - Familien mit Kindern die Euros aus der Tasche zu ziehen. Um neun Uhr morgens herrscht noch wenig Betrieb und wir halten uns nicht lange auf, wohlwissend, dass wir noch etwa fünf Stunden bis zu unserem heutigen Höhepunkt unterwegs sein werden. Ein sehr gut ausgebauter Pfad bringt uns in nördlicher Richtung an einem reißenden Strom vorbei zu einer Wegkreuzung - geradeaus liegt die Brixner Hütte, die wir bei unserem Abstieg zu passieren gedenken. Wir setzen den Blinker nach links und bummeln zur lieblich unter grünen Hängen gelegenen Labesebenalm (2138m) hinauf. Hier wird die Wegführung kurzzeitig verwirrend, am Ende folgen wir einem wenig definierten Trampelpfad durch den Hinterhof und über einen Elektrozaun. Nach halbstündigem Marsch im Grünen, immer leicht bis mäßig ansteigend, erblicken wir zum allerersten Male das Ziel unserer heutigen Tortur - den ziemlich weißen Gipfel der Wilden Kreuzspitze. Welch ein Kontrast zu den saftigen Grashängen um uns herum.
Dieses Bild folgt uns auch während unserer weiteren Wanderung bis zum Wilden See, an dessen Westufer wir eine größere Pause einschieben. Auf etwa 2500 Seehöhe befindlich, liegt hier noch einiges an Firn herum. Über den weiteren Verlauf besteht plötzlich Unklarheit. Laut des Hüsler-Führers sollte der Weg hinter dem See steil den Südhang der Kreuzspitze hinauf zum sogenannten Karjöchl führen. Diesen Weg können wir jedoch nicht finden und folgen stattdessen den Spuren des teilweise im Schnee verschütteten Pfades, der nach Nordosten führt. Schließlich kommt das Rauhtaljoch in Sicht, zu dem wir auf irgendeine Art und Weise hinauf gelangen müssen. Immer mehr Schnee erschwert die Wegfindung, wir treffen auf mehrere konkurrierende Spuren im Schnee und letztlich entscheiden wir uns intuitiv, einer von ihnen zu folgen und die anderen als schlechte Wahl einzustufen. Ob wir damit richtig liegen, werden wir wohl niemals in Erfahrung bringen. Angenehm verläuft unser Pfad jedenfalls nicht, er wirkt eher improvisiert. Wir nähern uns dem Joch über glitschigen Schotter rutschend auf einem elliptischen Abfangkurs von Südwesten.
Vier Stunden sind wir bereits unterwegs, als wir unsere Rucksäcke für eine letzte Pause am Rauhtaljöchl (2808m) abschnallen. Ein Blick hinab ins Rauhtal - unseren Abstiegsweg - offenbart eine schier endlose Firnpiste. Auch vor uns auf dem Weg zum Gipfel dominiert die Farbe weiß. Ich bin überglücklich, heute morgen meinen Eispickel eingepackt zu haben. Den mache ich mir auch bald zu Nutze, als die Firnfelder im weiteren Verlauf immer abschüssiger und rutschiger zu werden scheinen. Mit einem Male kommt uns eine beträchtliche Zahl von Gipfelstürmern entgegen. Offenbar sind wir wie so oft wieder einmal die letzten Ankömmlinge. Garstiger und noch rutschiger als der Schnee sind die schneelosen, ekelhaft glibberigen, schwarzen Dreckflecken, die den Hang zieren. Festes Felsgestein steht kaum an. Der liebe Eugen wusste schon, warum er die WKS unter frostigen Bedingungen bestiegen hat. Ein letzter steiler Firnrutscher befördert uns endlich auf den Gipfel.
Die Fernsicht ist relativ gut, allerdings sind die richtig massiven Brocken - darunter der Hochfeiler - wiederum in Wolken gehüllt. Ein Blick nach Westen auf den erodierten Grat verrät keine Spuren einer Überschreitung seitens Eugen Hüslers. Kurz vor Erreichen des Gipfels gelang es Mika, einen Absteiger diesbezüglich zu interviewen. Dieser gab zu Protokoll, dass jene Route selten begangen werde und nur für 'Ortskundige' ratsam sei (also vermutlich für Taxifahrer, Postboten etc). Hier ist er also, unser 17. und letzter Gipfel für diese Saison. Von den vier Dreitausendern zwar der höchste, allerdings auch der unspektakulärste. Sass Rigais, La Varella und Dreieckspitze werden mir persönlich nachhaltiger in Erinnerung bleiben. Was macht die eine Tour so großartig, die andere eher mittelmäßig? Der Versuch einer Antwort: je nachdem, wie ausgewogen die Mischung aus verschiedenen Komponenten ist - die meisten davon ziemlich subjektiv. Da ist erst einmal der Berg selbst, seine Höhe, sein Erscheinungsbild, seine Lage, seine Bedeutung. Dazu die Charakteristik der gewählten Route - Schwierigkeitsgrad, Abwechslungsreichtum, Länge. Dazu selbstverständlich das Wetter und die Bedingungen am Berg (Schneelage, Feuchtigkeit etc). Und nicht zuletzt die persönliche Tagesform. Auf die WKS bezogen: vielleicht ist es nicht die beste Idee, zwei sehr lange Touren an aufeinanderfolgenden Tagen anzugehen.
Der Abstieg führt uns zunächst zurück über die teils wirklich prekären Seifen- und Lehmflecken zum Rauhtaljöchl. Um der Abwechslung willen wenden wir uns nach Osten und stiefeln die lange Firnschneepiste hinunter ins Rauhtal. An dieser Stelle würde sich der Verfasser ein Paar Ski wünschen und die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen. Angeblich liegt unter unseren Füßen noch ein winziger Gletscherkern aus längst vergangener Zeit. Wegen des vielen Altschnees fällt der um diese Jahreszeit nicht weiter auf. Ich singe Mika ein Liedchen, damit ihm auf dem langen Weg nicht öde wird. Auch nach Verlassen des Gletschers sollen uns noch zahlreiche kleine Schneefelder begegnen, bevor die Brixner Hütter (2290m) im Sichtfeld auftaucht. Uns ist heute nicht so recht nach Einkehr zumute, wir wollen den restlichen Abstieg lieber hinter uns bringen. Auf dem breiten Spazierpfad nutze ich jede Gelegenheit, im Zickzack zu traversieren, um die Marter so knieschonend wir möglich zu gestalten. Gegen 18 Uhr finden wir uns auf dem Parkplatz der Fanealm wieder und sind nur eine kurze Fahrt und eine Dusche von unserem letzten Alpenschnitzel entfernt - für dieses Jahr.
Fazit: nicht der dramatischste der 'kurzen Dreitausender' in den Alpen; nicht unbedingt bei Tauwetter oder nach längerem Monsun angehen
© Stefan Maday 2009
www.alpenreport.de
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