Wallis Report 2008

Tag 3: Besteigung des Jazzihorn (3227m) im Saastal
Ausgangspunkt: Stausee Mattmark, Saastal
Höhendifferenz: 1100m
Dauer: 10h (inkl. sehr langer Pausen)

Am Anfang unseres heutigen Abenteuers steht ein Deja vu: wie vor ziemlich genau einem Jahr entsteigen wir Mikas Mazda am Parkplatz unterhalb der Staumauer des Mattmark Stausees und lassen uns beim Anlegen der Ausrüstung einen eisigen Wind um Am Mattmark Stauseedie Ohren blasen. Es ist kurz vor neun Uhr, wir haben heute morgen bereits einen Eierdieb beim Frühstück ertappt und waren beim Coop in Saas Grund powershoppen (die andere Hälfte unserer Expedition benötigte dringend Rauchwaren zur Aktivierung ihres Belohnungszentrums).
Im Gegensatz zum vergangenen Jahr, als wir den See der Länge nach an seinem Westufer in Richtung Monte Moro-Pass passierten, überqueren wir heute die Staumauer und halten uns an das östliche Ufer, wo wir in das Ofental aufsteigen und dort einen Dreitausender abklappern wollen. Die Wahl eines Gipfels fiel nicht leicht, gleich drei Kandidaten kamen in Ofental, Blick auf SpechhornBetracht: das Stellihorn, mit 3436m das eindrucksvollste Ziel, ist bereits vom Taleingang sichtbar. Die Besteigung geht allerdings praktisch vollkommen weglos und mit einiger Gratkraxelei von statten und wir wissen nicht, ob der Abstiegsgletscher überhaupt noch existiert. Das Jazzihorn ist hier oben quasi der einzige Berg mit markiertem Zugang, was die Angelegenheit beinahe etwas langweilig macht. Letztlich entschieden wir uns noch gestern abend für das Spechhorn (3189m), im Wesentlichen aus dem einfachen Grund, dass wir glauben, diesen Gipfel mit noch einem zweiten Dreitausender, dem Ofentalhorn (3059m) kombinieren zu können. Einziger Wermutstropfen und zugleich Spannungselement: die Tourenbeschreibung haben wir aus dem gleichen Buch eines gewissen Herrn Gödeke entnommen, das uns bereits gestern am Nufenenpass in die Irre geführt hat. Wir sind also auf Überraschungen gefasst!

Bald verlassen wir den breiten Kiesweg über einen Pfad, der sich sanft über den Osthang des Stellihorns nach oben windet. Es ist immer noch kühl und wir kommen gut voran. Ich fühle mich zum ersten Mal in diesem Urlaub einigermaßen fit, die Blick auf dem Ofental hinaus auf die Viertausender über Saas Feebeiden ersten Tourentage empfand ich als konditionelle Tortur. Die Aussicht ist fantastisch, je höher wir steigen, desto greifbarer türmen sich die weißen Brocken südlich und westlich von Saas Fee vor dem blauen Himmel auf: Strahlhorn, Fluchthorn, Allalinhorn, Alphubel und die leicht eingewölkte Mischabelgruppe mit dem unverwechselbaren Dom, an dem man sich niemals satt sehen kann. Nach einer guten Stunde Gehzeit erreichen wir das lieblich grüne Ofental und werfen einen ersten Blick auf unser Spechhorn, das sich als nicht übermäßig attraktiv dreinblickender, halb verwester Doppelgipfelgrat erweist. Die Zeit geht an niemandem spurlos vorbei.
Auf unserem weiteren Weg hinauf ins Ofental suchen wir verzweifelt nach Trittspuren, die in südliche Richtung auf das Schottriger Aufstieg zur JazzilückeOfentalhorn/Spechhorn abzweigen. Vergeblich. Stattdessen gewinnt der markierte Pfad am nördlichen Ende des Tals an Höhe. Bald beschließen wir, umzusatteln und zunächst das Jazzihorn mitzunehmen, in der Hoffnung, vielleicht von dort über den Grat zum Südende gelangen zu können. Wir sind nun nicht mehr allein, eine Gruppe von acht Männern hat uns nach einer Pause eingeholt und marschiert einige Zeit parallel zu uns. Wir taufen sie die "Badener B-Boys", aus Gründen, die hier nicht näher aufgeschlüsselt werden sollen. Wir fragen uns, was diese Personen unterschiedlichen Alters wohl verbindet. Vielleicht teilen sie lediglich dieselbe Neigung (die Liebe zu den Bergen beispielsweise)?

Die hohen 4000erIn dem Maße, wie wir uns der 3000m-Grenze nähern, beginnt die Geherei immer mehr zu schlauchen und kurz unterhalb der Jazzilücke beschließen wir, im Windschatten eines großen Felsens noch einmal eine großzügige Auszeit zu nehmen. Wenn es um das Pausieren und das in der Sonne Rumräkeln geht, sind wir wahre Wikinger. All zu gerne vergessen wir bei solchen Gelegenheiten, dass wir noch einen Job zu erledigen haben. In einem letzten Akt schieren Willens raffen wir uns auf und erreichen nur Minuten später die Jazzilücke (3081m) und betreten mit einem Bein italienisches Hoheitsgebiet.

Der Anblick der Monte Rosa Gruppe, des zweithöchsten Gebirgsstockes der Alpen, ist atemberaubend. Nicht weniger Monte Rosa von der Jazzilücke geseheneindrucksvoll breitet sich der weitere Weg vor uns aus: wir beobachten, wie sich die beiden letzten der acht B-Boys im Schneckentempo über die luftige, teils drahtseilgesicherte Jazzihorntraverse vorarbeiten. Kurzes Schlucken ist ob des eindringlichen Tiefblickes angesagt. Doch als ich mich selbst auf den Weg mache, kommt mir der selbige bald recht harmlos vor und bei den Sicherungen wurde etwas zu Auf der Jazzihorntraverseviel des Guten getan. Ein Klettersteigset ist dafür jedenfalls nicht erforderlich. Dennoch bewegen wir uns relativ bedächtig und als wir den Nordhang unseres Berges erreichen, ist es schon weit nach 12 Uhr mittags.
Wir deponieren unsere Rucksäcke unter einer großen Felsplatte und suchen nach einem Aufstiegsweg zum Gipfel, der schätzungsweise maximal noch 100m über uns liegen mag. Die B-Boys verschwenden keine Ambitionen und machen sich stante pede an den Abstieg durch das Furgtälli nach Saas Almagell. Mit dem Auto am Stausee ist diese Variante für uns nicht verlockend. Sie ist nicht nur signifikant länger als unsere Aufstiegsroute, wir müssten zudem wieder vier bis fünf Kilometer über die Straße zum See hinauf wandern.

Der finale AufstiegWir entdecken hier und da Trittspuren im Geröll und folgen Ihnen ohne Gepäck. Durch teils losen Schotter, teils über gröbere Blöcke, rutschen und kraxeln wir hinauf, traversieren vor sich auftürmenden Die GipfelstürmerDas Stellihorn nebenanFelsbändern nach rechts, bis wir schließlich nach einigen Irrungen und Wirrungen auf dem geräumigen Gipfelgrat auftauchen. Welch fantastische Aussicht auf Monte Rosa im Süden und die Cresta di Saas im Nordosten mit Latelhorn und Sonnighorn wird uns hier zuteil!

GipfelpanoramaIn der Verlängerung unseres Grates reckt sich der Muttergipfel des Stellihorns noch einmal 200m über Dom und Co.Allalinhorn & Co.Monterosa-Massiv uns in den Himmel. Mit ein wenig mehr Zeit und noch ein wenig mehr Abenteuerlust könnte man da flugs hinüberhüpfen... Doch bei mir melden sich bereits wieder die obligatorischen 3000m-Kopfschmerzen, wie jedes Jahr an den ersten zwei bis drei Urlaubstagen. Ferner schreiben wir mittlerweile zwei Uhr nachmittags und so gehen wir lieber den Abstieg an. Zu spät glaubt Michael einen markierten Pfad vom Pass zu unserem Gipfel ausmachen zu können, wir haben uns schon wieder zu unseren Rucksäcken hinuntergehangelt und -geschottert. Wir Abstieglegen noch zwei üppige Pausen an den Felsen unter der Jazzilücke und am Anfang des Ofentals ein und sind nicht enttäuscht, dass wir das Stellihorn nicht gewagt und das Spechhorn nicht gefunden haben - der Jazzi war eine würdige und abwechslungsreiche Tagestour. Eine einsame Tour dazu, außer den B-Boys haben wir nur eine weitere Gruppe angetroffen (und die war harmlos).

Dank ausgiebigem Sonnenbad und Abstieg im Bummeltempo erreichen wir erst gegen sieben Uhr abends wieder die Staumauer, gerade rechtzeitig, bevor die Sonne hinter den Giganten im Westen versinkt und sich eine bleierne Kälte auf das obere Ende des Saastales legt.

Ein kleiner Nachtrag von der Equipment-Front: die brandneuen Wanderstöcke des guten Mika sind nach nur zweieinhalb Touren bereits Futter für die Tonne. Nie wieder Komperdell, lautet die Moral dieser Geschichte. Auch ich hasse meine alten Stöcke vom gleichen Hersteller. Ihre Teleskopglieder lassen sich nicht fest genug arretieren und schieben sich bereits nach wenigen Minuten zu Gnomengröße zusammen. Und dennoch schleppe ich die Dinger seit Jahren immer wieder mit. Die reinste Hassliebe ist das. Ich sehne den Tag herbei, an dem sie zerbrechen oder über einen Steilhang rutschen!


© Stefan Maday 2009 / Bildergänzung Michael Breiden 2011

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