Wallis Report 2008

Tag 9: Besteigung des Breithorn (4164m) im Mattertal
Ausgangspunkt: Bergstation Klein Matterhorn
Höhendifferenz: 350m
Dauer: 2.5h

Ein Besuch im Wallis wäre verschwendet, würde man keinen Viertausender besteigen. Sie sind die Kurfürsten der Alpen und nirgends thronen so viele auf einem Fleck wie im Wallis. Die Frage, vor die wir uns gestellt sahen, lautete folglich nicht ob, sondern welche(n). In der Schweiz gibt es wenigstens zwei verschiedene Typen von Viertausendern: die, welche man sich hart erarbeiten muss und die, welche man sich erkaufen kann.
Einige namhafte Kandidaten zierten unsere Wunschliste vor dem Urlaub: Bishorn, Weissmies, Nadelhorn, Finsteraarhorn. Alles Berge der Kategorie I. Warum wir uns schließlich für das Breithorn entschieden haben, die Mutter aller Kat.II Viertausender, ist nicht völlig geklärt. Vermutlich haben wir einfach keine Lust, um 4 Uhr morgens auf einer Hütte zu erwachen und tausend Höhenmeter durch dunkle Kälte und kalte Dunkelheit über steifgefrorenen Schnee zu stapfen, in einer Höhe, in der wir noch nicht akklimatisiert sind und ohne fundierte Gletschererfahrung. Das ist es, einigen wir uns auf den letzten Grund. Immerhin haben wir dieses Mal ein Seil dabei und zwei DIN A4-Seiten voller Tipps & Tricks aus dem Internet, wie man sich gegen bösartige Gletscherspalten zur Wehr setzt. Soll heißen, der Bergführer bleibt dieses Jahr im Tal und das ist doch Abenteuer genug!

Das Breithorn ist der am einfachsten zu besteigende Viertausender des Universums. Von der Bergstation des Klein Matterhorn sind nur etwa 350hm zu bewältigen. Eine Halbtagestour. In drei Stunden sollten wir wieder unten sein und die Mittagssonne genießen dürfen, so unsere Planung. Womit wir nicht ernsthaft gerechnet hatten ist die Tatsache, dass wir bereits zur Das Breithorn von NordenStation Klein Matterhorn beinahe drei Stunden benötigt haben. Inklusive Fahrt von Saas Grund nach Täsch im Mattertal. Ab hier ist die Durchfahrt nach Zermatt für Touris gesperrt. Eine Tatsache, die sich findige Täscher Restaurant- und Tankstellenbetreiber zu Nutze gemacht haben: sie verdingen sich als Taxiunternehmer und pendeln mit Minibussen auf der baufälligen Verbindungsstraße zum teuersten Alpenörtchen aller Zeiten. Während wir auf die Abfahrt unseres Taxis warten, sehen wir hilflos mit an, wie die Viertausender über dem Talschluss sukzessive von Wolken verschluckt werden. Zu spät für eine last-minute Abkehr, wir haben die sündhaft teure Seilbahnfahrt auf das Klein Matterhorn bereits beim Taxischaller gelöhnt.
Endlich in Zermatt angekommen, steht uns ein Fußmarsch quer durch das gesamte Städtchen bevor. Wir haben wenig Augen für die Sehenswürdigkeiten, die sparen wir uns für den Rückmarsch auf. Kurz vor Erreichen der Bahnstation kommt das Matterhorn in Sicht bzw. was die Wolken davon übrig lassen. Die Seilbahnfahrt erinnert an Zugfahren mit der Deutschen Bahn - man hat Ein seltsamer Vogeldas Gefühl, man käme nie an sein Ziel, weil man alle Nase lang umsteigen muss. Ich nutze die Zeit, um mich gründlich mit Sonnenschmiere einzusalben. Ein Blick hinunter auf den zerfetzten Theodulgletscher und hinauf auf das scnneidige Klein Matterhorn. Endlich oben. Außerhalb der Station karrt ein Hubschrauber Baumaterial für das neue 4000m-Hotel an. Unberührte Wildnis sieht anders aus. Doch wir wollen nicht päpstlicher tun als der Papst, denn ohne bautechnische Segnungen wären wir heute gewiss nicht hier oben...

Um kurz vor halb zwölf stehen wir schließlich am Anseilplatz am Skilift auf dem Breithorngletscher und sind vollkommen Michael hat einen Rentner überholtüberbereit. Wir legen unser neues Seil an und ich knüpfe ungeschickt ein paar Bremsknoten hinein, so wie ich es gestern spät abend im Alkoholdunst auf unserem Hotelzimmer gelernt habe. Freudig stellen wir fest, dass wir zwar die letzten, aber nicht die einzigen Breithornbesteiger sind. Auch die Wolkenbänke, die wir vom Tal aus gesehen haben, vernebeln uns nur zeitweilig die Sicht, immer wieder verziehen sie sich und geben den Blick auf den Gipfel frei. Der Weg ist gut gespurt und in seiner Nähe sind keine Spalten auszumachen.

Nach ein paar hundert Metern gemütlichen Einlaufens steigt die Spur mächtig an. Wir beginnen in der dünnen Luft zu keuchen, schaffen es aber dennoch, eine der zahlreichen Gruppen zu überholen. Es macht sich konditionell bemerkbar, dass wir bereits eine Woche auf Tour sind. Kein Achtzigjähriger, der heute mit uns mithalten könnte. Immer steiler schleppen wir uns den Auf dem GipfelSüdwesthang hinauf, bis wir gegen viertel vor eins freudig die Firnschneide des westlichsten und höchsten Breithorngipfels erstapft haben.
4164m über dem Meeresspiegel dürfen wir die fantastische Rundum-Aussicht genießen, denn das Wetterglück ist uns wieder einmal hold. Summa summarum etwa drei Wochen waren wir bisher im Wallis auf Tour - das letzte Jahr mit eingerechnet - und nicht ein einziger Tag darunter, an dem es von morgens bis abends fies gewesen wäre. Dies kann kein Zufall sein, das Oberwallis ist sicherlich eine für alpine Verhältnisse gesegnete Bergregion. GipfelblickNur das Matterhorn weigert sich erneut aufs Zäheste, sich den CCD-Chips unserer Kameras in splitternackter Grandeur zu präsentieren. Im Gegensatz zu Mika kann ich mit dieser Tatsache weiterleben, mich beschäftigt mehr mein sich allmählich bewölkender Schädel - die ungewohnte Höhe macht sich wiederum bemerkbar. Die schmerzhafte Tour auf das Allalinhorn im letzten Urlaub war für mich sehr lehrreich und so dränge ich auf einen baldigen 'Blitzabstieg' ins Tal.

Mika darf diesmal unsere Miniseilschaft anführen und bringt uns in weniger als einer Stunde zurück zum Skilift. Nachdem wir den Abstieg teilweise nur im T-Shirt bewältigt haben, zieht es plötzlich zu und beginnt leicht zu schneien. Eine kurze Mahnung, dass Viertausender in den Alpen von ihrer Natur her wilde Berge und keine tropischen Brutzel-Paradiese darstellen.

Mika möchte auf der Panorama-Plattform des Klein Matterhorn noch einige hundert Fotos knipsen und wird vermutlich ausharren, bis sein geliebtes Matterhorn aufzieht... Ich trete bereits die Talfahrt nach Zermatt an, die wegen Wartungsarbeiten noch länger dauert als die Bergfahrt. Reichlich Zeit, um unterwegs Kopfschmerztabletten einzuwerfen, damit ich zum leckeren Pizzaessen in unserem Lieblingshotel Tenne in Saas Grund wieder fit bin. Bleibt das Gefühl, den bisher höchsten Berg meiner Karriere bewältigt zu haben. Wenn auch nicht besonders schwierig, war das Breithorn für uns doch ein brauchbares Trainingsgelände zur Vorbereitung auf anspruchsvollere Hochtouren, die in den kommenden Jahren zweifellos folgen werden.


© Stefan Maday 2009

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